Mehr als drei Jahrzehnte nach einem brutalen Messerangriff auf eine damals 18 Jahre alte Frau nehmen Ermittler einen ungelösten Kriminalfall erneut unter die Lupe. Ewa M. wurde 1990 bei Tönisvorst lebensgefährlich verletzt und überlebte nur durch eine Notoperation. Jetzt hofft die Polizei, mit neuen kriminaltechnischen Möglichkeiten und bislang fehlenden Hinweisen doch noch den Täter zu finden.

Der 12. August 1990 sollte für die damals 18-jährige Ewa M. ein Abend werden, der ihr gesamtes weiteres Leben verändern sollte.

Die junge Frau befand sich zu Fuß auf dem Heimweg von Krefeld nach Vorst im Kreis Viersen. Sie lief auf dem kombinierten Geh- und Radweg entlang der L 475 zwischen St. Tönis und Vorst.

Gegen 21.40 Uhr traf sie an einer Bushaltestelle im Bereich der Abzweigung nach Tönisvorst-Kehn eine Freundin. Beide unterhielten sich noch etwa fünf bis zehn Minuten und gingen anschließend getrennt weiter.

Wenig später kam es zu dem Angriff.

Täter zieht 18-Jährige in einen Graben

Etwa 50 Meter vor dem Ortseingang von Vorst wurde Ewa M. nach den Erkenntnissen der Ermittler unvermittelt attackiert.

Der Täter zog die junge Frau in einen Graben und drohte ihr mit einer Vergewaltigung. Anschließend stach er mehrfach auf die 18-Jährige ein.

Erst als sich sein Opfer nicht mehr bewegte, ließ der Angreifer von ihr ab und flüchtete.

Die Polizei geht davon aus, dass der Täter glaubte, die junge Frau getötet zu haben.

Doch Ewa M. lebte.

Schwer verletzte Frau schafft es zurück zur Straße

Trotz ihrer lebensgefährlichen Verletzungen gelang es der 18-Jährigen, sich aus dem Graben wieder in Richtung des Radwegs und der Landstraße zu bewegen.

Gegen 22.10 Uhr entdeckte ein Fahrradfahrer die Schwerverletzte auf einem Grünstreifen zwischen Radweg und Fahrbahn.

Rettungskräfte brachten sie in ein Krankenhaus nach Kempen. Dort rettete ihr eine Notoperation das Leben.

Was weiß die Polizei über den Angreifer?

Der Täter wurde als eher unauffälliger Mann beschrieben. Er soll etwas größer als die 1,65 Meter große Ewa M. gewesen sein und akzentfreies Deutsch gesprochen haben.

Aufgrund der Vielzahl der Stichverletzungen halten die Ermittler es für möglich, dass seine Kleidung nach dem Angriff Blutspuren aufwies.

Auch könnte sich der Täter während der Attacke selbst verletzt haben – insbesondere Verletzungen an den Händen durch die verwendete Klinge seien denkbar.

Neue Ermittlungen nach 36 Jahren

Der Fall konnte trotz der damaligen Ermittlungen nicht aufgeklärt werden. Nun beschäftigt sich die Polizei Mönchengladbach erneut intensiv mit dem versuchten Tötungsdelikt.

Dabei sollen moderne kriminaltechnische Untersuchungsmöglichkeiten ebenso eine Rolle spielen wie eine erneute Bewertung vorhandener Spuren und Erkenntnisse.

Die Ermittler hoffen außerdem auf Menschen, die nach 36 Jahren möglicherweise doch noch ihr Schweigen brechen oder sich an bislang nicht mitgeteilte Beobachtungen erinnern.

Rätsel um geparktes Fahrzeug

Von besonderem Interesse ist unter anderem ein Auto, das sich zum Tatzeitpunkt in unmittelbarer Nähe befunden haben soll.

Nahe des Tatorts zweigt in Richtung Vorst ein Feldweg nach Kehn ab. Dort stand damals ein Fahrzeug.

Bis heute ist ungeklärt, wem dieses Auto gehörte. Die Ermittler wollen wissen, ob es möglicherweise einen Zusammenhang mit dem Täter gab oder ob sich darin ein bislang unbekannter wichtiger Zeuge befand.

Polizei sucht nach Zeugen

Gesucht werden insbesondere Menschen, die am Abend des 12. August 1990 auf der L 475 unterwegs waren und bislang keinen Kontakt mit der Polizei hatten.

Auch damalige Zeugen werden gebeten, sich erneut zu melden, falls ihnen inzwischen weitere Einzelheiten eingefallen sind.

Von Bedeutung könnten zudem Personen sein, denen gegenüber sich der Täter irgendwann zu der Tat geäußert oder entsprechende Andeutungen gemacht hat.

Frauen, die damals in diesem Bereich ähnliche verdächtige Situationen oder Begegnungen erlebt haben, werden ebenfalls gebeten, ihre Beobachtungen mitzuteilen.

Selbst Informationen, die nach mehr als drei Jahrzehnten zunächst unbedeutend erscheinen, könnten den Ermittlern heute bei der Aufklärung des Falls helfen.

Ewa M. ist heute 54 Jahre alt. Die Frage, wer sie damals beinahe getötet hat und warum sie zum Opfer wurde, ist auch 36 Jahre nach der Tat unbeantwortet.